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Lebensthemen / Der verlorene Zwilling / Tod im Mutterleib

Tod im Mutterleib

Das Wiederfinden des verstorbenen Zwillings ist ein Wendepunkt im Leben.

Dieses bislang wenig bekannte und unterschätzte Phänomen findet immer mehr wissenschaftliche Beachtung. Aus der Sicht der Biologie stellt der vorgeburtliche Tod keine Besonderheit dar. Nach neuen Schätzungen sind zwischen 50 und 78 Prozent aller Schwangerschaften Mehrlingsschwangerschaften. So hat mindestens jedes zweite Kind, das zur Welt kommt, während seiner Entwicklung im Uterus ein Schwesterchen oder Brüderchen verloren - meistens in den ersten Wochen und ohne das die schwangere Mutter etwas von dem Todeskampf in ihrer Gebärmutter bemerkte.
Die Beziehungen und Bindungen im Mutterleib beeinflussen aufs tiefste unser Verhalten außerhalb des Mutterleibes. Die erste Beziehung entsteht zwischen Samen und Eizelle. Als nächstes folgen die Beziehungen und Bindungen unter den Geschwistern im Mutterleib. Dann folgt die Bindung des Embryos an die Mutter und dann die Bindung durch die Geburt, besonders wenn sie traumatisch (z. B. der Einsatz von Geburtszange oder Saugglocke) besetzt ist.
Am Lebensanfang werden die Gleise gelegt, auf denen später unser Lebenszug fährt.
Jemand der im Mutterleib ein Zwillingsgeschwisterchen verloren hat, leidet in seinem späteren Leben an den Auswirkungen dieses unbewussten Verlustes. Sie können nicht mit ihrer ganzen Kraft im Leben sein. Schuldgefühle gegenüber Anderen und Angst vor Trennungen bindet Energie und verhindert Beziehungen vollständig einzugehen. Die einen meiden Nähe aus Angst vor Verlust, die Anderen suchen immerzu mehr Innigkeit, als ein Partner zu geben vermag. Viele erlauben sich nicht glücklich zu sein, im unbewussten Angesicht des verlorengegangenen Zwillings.
Da sagte eine Teilnehmerin: „Liebe bedeutet Tod“. Bei einem systemischen Einzelcoaching zeigte sich, dass im Augenblick der höchsten Liebe und der Verschmelzung mit einem Zwillingsgeschwisterchen dieses kurz darauf stirbt. Das Drama im Mutterbauch kann nicht größer sein: Panik, Todesangst, Verzweiflung, tiefe Trauer, auch Wut über das Gehen des Geschwisterchen, das oft wie Verrat erlebt wird. Auch will sie dem Geschwisterchen folgen, das heißt auch zu sterben, um bei ihm zu sein. Dies alles mündet in Resignation und Apathie und in ihrem späteren Leben verbietet sie sich einen Partner zu lieben, weil er ja sonst sterben könnte. Vor dieser Hintergrundkulisse ist die Lebensdarstellung der Teilnehmerin mehr als verständlich: „Liebe bedeutet Tod“.
Das Wiederfinden des Anderen ist ein Wendepunkt im Leben. Waren all die Verlustängste, Panikattacken, die vielen kleinen körperlichen wie auch seelischen Schmerzen für uns so lange Zeit unverständlich und sinnlos, werden wir im Wiederentdecken des Anderen leicht und vieles ergibt jetzt endlich einen Sinn. Wir kämpfen nicht um unser Dasein, sondern um den Sinn unseres Daseins. Jetzt können Wunden und Verwirrungen von selbst heilen. Selbst-heilung!


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Ihr Hans-Peter Hepe