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Psychose - Das Fenster zu unerlösten Beziehungen

Selbstkontrolle und gegen Fremdkontrolle

Das Wort Psychose kam vom griechischen psychosis -Beseeltheit ins Deutsche und hat heute die Bedeutung einer „kranken Seele“.
Menschen, die unter psychotischen Schüben leiden, fehlt vielfach das sprichwörtliche „dicke Fell“, um innere und äußere Aktionen, Selbstkontrolle und Fremdkontrolle, innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen unterscheiden zu können. Sie sind dann so dünnhäutig, dass es ihnen nicht mehr gelingt, zwischen Selbst- und Fremdanteilen zu unterscheiden - was sind die eigenen Anteile und was sind die Anteile des Anderen in der momentanen sozialen Beziehung. So werden Stimmen oder Personen, die diesen Menschen von außen gegenübertreten, zu inneren Konflikten, die sie überfordern oder gar entgleiten. Sie sehen die Wirklichkeit ganz anders - ähnlich schwer Depressiver, die alles schwarzsehen.
Doch alle diese Phänomene sind zutiefst menschlich. Wir sind eben ein soziales Lebewesen, das nicht nur an anderen, sondern auch an sich zweifeln und verzweifeln kann.

Was macht den Menschen zu einem sozialen Wesen, das eben auch psychisch erkranken kann? Der Mensch muss von seiner Geburt an alles lernen - selbst das Laufen. Er hat nach Millionen von Jahren noch nicht einmal eine Erbmotorik, sondern eine Erwerbsmotorik. Und weil er alles lernen und so erwerben muss, ist er auf sein Gegenüber angewiesen. Er ist von Anfang an auf ein Gegenüber angewiesen, und so denkt, fühlt und lebt er sein Gegenüber mit - das macht ihn sozial.
Und weil der Mensch auf diese Weise sein Gegenüber mitdenkt und mitfühlt, ist er beseelt. So repräsentiert die Seele bzw. Psyche unsere Gedanken und Gefühle mit dem Gegenüber in unserem Körper.

Menschen die unter Psychosen leiden, ringen in ihrem Körper mit den Gedanken und den Gefühlen, die sie mit dem Gegenüber haben, um Selbstkontrolle und gegen Fremdkontrolle. Ähnlich zwei- bis dreijährigen Kindern, die sich selbst das erste Mal in ihrer Entfaltung als eine Möglichkeit erkennen, gegen oder für das sie sich entscheiden können. Entscheiden sie sich gegen sich selbst, zweifeln und verzweifeln sie an sich, kommt es im späteren Lebensverlauf zu Psychosen. Sie beziehen alles auf sich, was in ihrer Umgebung passiert. Sie fühlen sich etwa schuldig, wenn die Eltern streiten.

Psychosen sind demnach keine Dauerzustände, sondern gewissermaßen eine Art existenzieller Lebenskrise besonders dünnhäutiger Menschen. Und die gute Nachricht ist: Man kann aus Psychosen lernen und nach dieser Erfahrung seinem Leben eine wichtige Wendung geben.
Eine Psychose ist nach systemisch-soziologischer Sicht mit einem Traum vergleichbar - mit dem Unterschied, dass man im Traum nicht von anderen beobachtet und als verrückt erklärt werden kann.
Ähnlich wie es Wunsch- und Angstträume gibt, sind auch in Psychosen Wunsch- und Angstanteile enthalten. Sie ringen um ihre Identität und um Autonomie - um Selbstkontrolle und gegen Fremdkontrolle.
Siehe auch den Artikel: Borderline - Eine Frage der Identität